Wie Drew McIntyre sich selbst in den Main-Event bookte | Wrestling Stories

Wrestlemania wird in diesem Jahr völlig verrückt werden, aber fest steht trotz allen Entwicklungen, dass es die große Nacht vor allem für einen Mann wird: Drew McIntyre. Der 1 Meter 96 große Schotte hat im WWE-Title-Match gegen Brock Lesnar die Chance seines Lebens und könnte am Ende ganz oben an der Wrestling-Spitze angekommen sein. In der frei erfundenen Storyline sowieso, aber Drew McIntyre hätte sich den Erfolg hart erarbeitet und dabei die Booker, vor allem Vince McMahon, zu diesem Titelgewinn gezwungen. Wrestling läuft nach einem Skript ab, aber jeder Wrestler kann dessen Inhalte beeinflussen, wie uns Drew McIntyre eindrucksvoll bewiesen hat. Hier ist seine Geschichte.

Seine neue Rolle wurde ihm binnen Minuten aufs Auge gedrückt. Es ist der 12. Oktober 2007 und Drew Galloway bereitet sich gerade backstage auf seinen ersten WWE-Auftritt vor. Er ist zwar erst 22 Jahre alt, wrestlet aber schon seit etwa sechs Jahren und hat sich jetzt den ersten großen Deal an Land gezogen. Zehn Minuten sind es noch bis zum Debüt-Match gegen Brett Major, den späteren Zack Ryder, da kommt auf einmal Stephanie McMahon auf ihn zu: „Drew Galloway, ist das dein richtiger Name?“ Ihr gefällt das so gar nicht, schließlich kann sich die WWE echte Namen nicht sichern und exklusiv daran verdienen. Also muss schnell eine Alternative her. Zusammen mit Michael Hayes werden schottische Namen auf Wikipedia gesucht und McIntyre soll es schließlich sein. Der Ring-Announcer bekommt den Namenswechsel noch rechtzeitig mit, auf dem Titan Tron steht aber weiterhin der Name Galloway. So schnell geht es zu im harten Wrestling-Business. Gerade bist du noch das aufstrebende Talent aus Europa, jetzt wurdest du offiziell gebrandet und als Klischee-Schotte mit Kilt und Flagge auf der Hose ins Haifischbecken geworfen. Drew Galloway war da, wo er hinwollte.

Bislang lief es eigentlich ganz gut beim talentierten jungen Mann mit dem geldbringenden Look. Die frühe Zeit in den britischen Indys brachte erste Erfahrungen und dank seiner renitenten Mutter hat Drew einen Abschluss in Kriminologie in der Hinterhand, sollte sich der Traum von Wrestling am Ende doch nicht erfüllen. Den Vertrag beim Marktführer sah Drew als Durchbruch, dabei hatte er bislang nur die Eingangstür betreten. Im Ring war er noch viel zu unsicher, wusste anfangs nicht einmal, dass er seine Moves in Richtung Hard Cam zeigen sollte. So ging es nach SmackDown zwar noch kurz zu Raw rüber, aber fast zwei Jahre hieß es dann „Learning the Ropes“ bei Florida Championship Wrestling, dem NXT vor NXT. Einen eisernen Willen konnte man Drew McIntyre noch nie absprechen, aber würde dieser ausreichen? Denn plötzlich kam durch Vince McMahon höchstpersönlich der Push zu den Sternen. Mitte 2009 wird er bei SmackDown vom Chairman als persönlich von ihm ausgesuchter „Chosen One“ vorgestellt, wieder einmal wird sein vorheriges Ich völlig aus den Geschichtsbüchern gestrichen. Drew erfährt genau wie die meisten anderen erst durch das Anhören von McMahons Promo, dass ihn dieser als zukünftigen World-Heavyweight-Champion in den Himmel lobt und ihn in der nun folgenden Storyline mit seiner ganzen Macht unterstützen würde. Aber kann das klappen, wenn er sich den gleichen Rückhalt im wahren Leben erst noch erarbeiten muss?

Wrestlingfans spüren schnell, wenn ihnen ein Wrestler nur so vorgesetzt wird und die Stories dann über den Workern stehen und nicht mit ihnen aufgehen. Im Fall von McIntyre klappte das sogar eine Zeitlang ganz gut, einfach weil Drew McIntyre diesen It-Faktor besitzt, den man so schwer beschreiben kann. Drew McIntyre muss kein Wort sagen, er braucht nicht einmal einen Paul Heyman, weil er einfach durch seine reine Präsenz genug von sich preisgibt. Das erkannte die WWE damals noch nicht. McIntyre fand von Woche zu Woche seine neue Rolle, wurde immer besser, aber das war er doch eigentlich gar nicht. Er war gerade nicht die Authority-Figure, er wollte sich alles selbst erarbeiten. Jetzt hatte er binnen kurzer Zeit die Intercontinental-Championship erlangt, hatte eine prominente Storyline bei SmackDown, aber wirklich real fühlte sich das nicht an. Und so scheiterte es dann auch. McIntyres Push wurde immer mehr vergessen und Vince fand andere Lieblinge. Gerade stand er noch in einem Match mit dem Undertaker, kämpfte bei Wrestlemania um den Money-in-the-Bank-Koffer, jetzt war es 2012 und 3MB wurde gegründet. In dem als Möchtegern-Rockstars verkleideten Jobberstable war Drew McIntyre hinter Heath Slater und Jinder Mahal das dritte Mitglied. Immerhin hatte Drew noch Fernsehzeit, aber seine Auftritte verkamen immer mehr zu peinlichen Lachnummern. Irgendwann wurde er in einem One-on-One-Match von El Torito gepinnt, dem ein Meter 34 kleinen Stier, dem nach dem Match von Hornswoggle der Schwanz geklaut wurde. Selten wurde in der WWE so viel Talent verschenkt wie im traurigen Fall von Drew McIntyre. Am 12. Juni 2014 folgte die Kündigung seines WWE-Vertrages.

Drew Galloways Wrestler-Karriere stand vor dem Aus. Er hatte es bis zum Marktführer geschafft, aber das hat nicht geklappt. Zum Glück ist die Wrestling-Welt groß, vor allem in diesen Jahren, als das Indy-Wrestling gerade sein großes Hoch erreichte. Und zum Glück ist Drew Galloway ein Kämpfer. Nach und nach sicherte er sich Bookings bei anderen Promotions, traf dort auf alte Bekannte wie Aleister Black, Ricochet oder Roderick Strong, mit denen er wie er sagt nicht nur einfach Matches, sondern großartige Matches abliefern konnte. An manchen Tagen trat er in kleinen Turnhallen oder Bars auf, aber ganz egal, wie klein die Crowd war, er zog sie in seinen Bann. Drew Galloway erkannte nach seinem Rauswurf, dass 90 % nicht mehr reichen werden. Er löste die Handbremse, war jetzt auch im Ring er selbst und wurde zu einem Indy-Darling. Bei Evolve war er anderthalb Jahre Champion, bei TNA reichte es zum Heavyweight-Title, zahlreiche größere und kleine Promotionen vor allem in England, aber auch Mexiko oder sogar Deutschland bauten ganze Shows um den Schotten auf. Drew Galloway durchschritt die klassische Wrestling-Underdog-Story, in der es nach und nach Richtung Spitze geht. Aber es waren keine Writer, die ihm den Erfolg auf die Stirn schrieben, es war Galloway selber. Zwischen seinem Haus in Florida und seinen Bookings in Europa pendelte er alle drei Wochen, wurde zu einem echten Arbeitstier.

Als 2017 der nächste logische Karriereschritt Richtung Japan führen sollte, wollte Drew zunächst einen weisen Rat von seinem alten Mentor William Regal einholen. Dieser hatte Drews Entwicklung natürlich verfolgt und konnte als WWE-Angestellter gar nicht anders, als ihm ein Telefonat mit Triple H zu empfehlen. Den Rest der Story konnten wir im TV verfolgen. Drew McIntyre war zurück, diesmal als in der Fanszene gestärkter Charakter, der sich mit brillanter Ring-Psychologie und totaler Aggression einfach echt anfühlt. Etwa zur gleichen Zeit, als McIntyre sein NXT-Comeback gibt, wird Jinder Mahal innerhalb von knapp einem Monat vom Jobber zum meditierenden WWE-Champion und zerstört damit für unfassbare 24 Wochen die Ratings. Wie sich immer wieder zeigt, ist die WWE und gerade Vince McMahon eine kaum berechenbare Maschinerie, und Talent und Ehrgeiz sind viel zu selten der treibende Faktor. Einem Drew McIntyre stehen ein ganzer Haufen an Cesaros, Zayns und Nevilles gegenüber, aber bei Drew hat es bestmöglich geklappt. Drew McIntyre zog aus, das Wrestling neu zu erlernen, machte sich selbst groß und wurde dafür jetzt mit dem Gewinn des Royal Rumbles und einem Main Event bei Wrestlemania belohnt. Wrestling ist kein Fake. Manchmal liegt der Schlüssel zum sportlichen Erfolg nur nicht im Ring.

Autor: Marcel Weber
Cut: Daniel Pein

Mehr Wrestling Stories: https://www.youtube.com/watch?v=6JmshC_EeNY&list=PLzmwNy1vr5FVvLQ-jgWZcnRfRA6c2uCUC

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